24. April 2013

Kalter Glanz

oder: Von der Macht des Goldes und warum Plastik manchmal einfach besser ist.

Seit einer guten Woche lässt sich nun endlich wieder der Mathematisch-Physikalische Salon an seinem alt-angestammten Platz im Dresdner Zwinger bewundern. Lange und gespannt wurde auf dieses klein-sächsische Großereignis gewartet und die Plakate versprachen allerhand kurzweilige und pittoreske Technikspielereien aus verschiedenen Jahrhunderten.


Praktischerweise konnte man während der Eröffnungswoche von 16:00 - 20:00 Uhr das Ganze sogar gratis und kostenlos, um nicht zu sagen "umsonst", bekommen. Und da's zu zweit meistens lustiger ist als alleine wurde kurzerhand der Diplom-Ingeneur-Technik-interessierte Papa mit dazugebucht und man machte sich gemeinsam auf in den Kampf gegen die 80.000 Rentner die auf genau die selbe Idee gekommen waren.

Nach geringfügigem Schlangestehen und Rucksack-ordnungsgemäß-im-Schließfach-Verstauen hatte man es dann auch endlich in den MPS* und zu allerlei goldlichem***, ja vielleicht sogar goldenem, Flitterkram geschafft. Optisch ließ sich an dieser Stelle rein gar nichts an den Exponaten aussetzen. Sie waren sehr... hübsch. Ich bitte den geneigten Leser beim Lesen dieses "hübsch" nicht an mein eigenes, gar liebreizendes Stimmlein zu denken. Vielmehr stelle man sich vor, aus dem Multiversum sickert eine Stimme nicht unähnlich einer gewissen Esmeralda Wetterwachs in die Realität der Rundwelt hinüber  

... hübsch ...

*Der Mathematisch-Physikalische Salon, in Fachkreisen** auch MPS genannt.
** Solche die zu vielbeschäftigt, faul oder auch einfach nur hyperaktiv sind um den ganzen Mathematisch-Physikalischen Salon komplett auszusprechen und -zuschreiben.
*** Sometimes glass glitters more than diamonds because it has more to prove. -- Sir PTerry

Für all jene, die mit der Scheibenwelt nicht so vertraut sind sei hier folgendes gesagt: Esmeralda Wetterwachs ist eine Hexe, eine sehr alte, strenge und mächtige Hexe. Der Pragmatismus, so lange er nicht an ihren 3 Unterhemden rührt, ist ihr Credo. Weshalb Esme Wetterwachs verhältnismäßig wenig Magie anwendet. Ihr Steckenpferd ist die Kopfologie, bei der es meistens genügt die Leute so lange anzustarren bis sie tun was man von ihnen erwartet. Dinge haben in Oma Wetterwachs Welt nicht hübsch zu sein, sondern zu funktionieren. Im speziellen Fall des MPS möchte ich mich als Wetterwachsianerin outen und kann diesem Gedanken nur von ganzem Herzen zustimmen. Was nützt eine technische Sammlung die mir als Flitterkram präsentiert wird? Wenn ich Gold und Juwelen sehen will kann ich auch ins Grüne Gewölbe gehen, da bekommt das Auge wesentlich mehr fürs Geld. In den nächsten Absätzen werde ich demzufolge ordentlich nörgeln. Wem das zu viel ist, der kann gern bis zum nächsten Bild scrollen. Ok, dann mal los:

Wie bereits erwähnt gibt es an den Exponaten an sich nichts auszusetzen, die pädagogische Aufbereitung lässt allerdings sehr zu Wünschen übrig. Stellenweise scheint sie nichtmal stattgefunden zu haben. Es gibt reihenweise Glasvitrinen die mit so nichts-sagenden Überschriften wie "Optik" oder "Vermessung" betitelt sind. In diesen Schaukästen liegen an die 30 Ausstellungsstücke und es gibt NICHT EINE EINZIGE Erklär-Tafel dazu!?! Was zum...? Selbst wenn an einigen Stellen Tafeln angebracht sind, nennen diese mir nur den Namen des Geräts und evtl. den Konstrukteur und eine Entstehungszeit. Über die Funktionsweise erfährt man rein gar nichts. Die Interaktivität in dieser Ausstellung beschränkt sich auf 30 Sek. lange, animierte Clips wie einige der drolligen Uhren und Aufziehspielzeuge in Aktion aussehen. Allerdings sind die Bildschirme sehr klein und etwa in Schritt-Höhe. Will heißen, mehr als 3 Leute gleichzeitig haben nichts davon.
Im gleichen Atemzug kann man die Info-Tafeln aufführen: die sind ebenfalls WINZIG mit WINZIGER Schrift ebenfalls auf Schritt-Höhe (Stichwort: Barrierefreiheit FAIL!). Die anwesenden 80.000 Rentner haben sich Reihenweise die Nase an den Glasscheiben platt gedrückt um irgendetwas auf den Tafeln lesen zu können. In einem Saal gibt es eine interessant Chiffrierscheibe, eigentlich wäre es an dieser Stelle nicht schwer und auch kostenverträglich gewesen so etwas aus Plastik (oder sogar Pappe) nachzubauen, dass der Besucher wenigstens mal ausprobieren kann, wie sowas überhaupt funktioniert hat. Was gab's? Eine weitere Winzige Infotafel. Nicht mal einen Beispiel Text wie genau die Scheibe Texte verschlüsselt.
Eine Etage weiter oben sah es zum Thema Solar-Energie und Brennlinsen-Kram genauso Mau aus. Was hier allerdings der Super-GAU war, war nicht die Ausstellung sondern der Weg dahin. Das Obere Stockwerk ist nur über einen winzigen Fahrstuhl zu erreichen (KEINE Treppe) in den max. 6 Leute passen, ohne dass man es als sexuelle Belästigung werten muss. Wer denkt sich sowas aus??? Wir haben also einmal ca. 10 min. am Fahrstuhl angestanden um hochzufahren, zwischenzeitlich mussten wir pausieren, weil eine Dame ins Untergeschoss zu den Toiletten wollte (und Toilettengänger haben Vorrang, na dann is ja alles gut!) und wieder 5 Minuten um runter zu kommen. Wie bitte soll das mit Busreisegruppen funktionieren die eine Führung gebucht haben??? Es ist mir unbegreiflich... und Menschen werde für solche Ausstellungskonzepte bezahlt.
Von dieser unpraktischen "Treppe ham wer nich, gibt's nur bei Edeka" Aktion mal abgesehen war das traurigste für mich wirklich die fehlende Praxis. Klugscheißerisch wie ich bin, habe ich das natürlich auf der Facebook Seite der Staatlichen Kunstsammlungen gepostet und bekam folgendes zur Antwort: Für Schüler gibt es tolle Führungsangebote, die auch wirklich toll sind und für verschiedene Altersstufen. Das kostet dann pro Nase auch nur einen Euro und hört sich auch sehr spannend an. Bei den Angeboten für Erwachsene ist mir dann allerdings nochmal die Kinnlade runtergeklappt. Sicher kann man hier auch eine tolle Führung mit Schauvorführungen buchen... für lächerliche 60 Euro die Stunde!!!! Als Reisegruppe mit 20 Leuten mag das ja gehen, aber wenn ich alleine unterwegs bin (wie die meisten Einheimischen die den Zwinger besuchen) geb ich doch keine 60 Euro dafür aus. Selbst wenn ich das Geld hätte... aber da ist eben ganz klar die Zielstellung gewesen Gruppenangebote zu erstellen und die Individualtouristen können sehn' wo sie bleiben. Wenn man dann noch bedenkt, dass der MPS normal schon 6 Euro Eintritt kostet, ist das nur noch Abzocke.

Die Stiftung Dagi-Test verleiht hiermit dem Mathematisch-Physikalischem Salon im Dresdner Zwinger das Prädikat 
ABSOLUT NICHT EMPFEHLENSWERT! 
Und für alle, die sagen "Flitterkram is doch was feines!" Geht ins Grüne Gewölbe! Da bekommt man noch was für sein Geld...

Manchmal ist Plastik einfach besser.****


****Total tolle und ominöse Anspielung auf Labyrinth mit David Bowie, aber das wusstet ihr natürlich alle.

Oder um mal wieder mit den allseits beliebten Worten der Schwesternschaft zu enden: Wenn's nix kostet muss man auch keinen Spaß haben!

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